
Hallo liebe Unterstützer*innen, Nachbar*innen und Freund*innen des Wohnprojekts Vielsam,
Frühstücken auf dem Balkon, lautes Lachen im Flur, über Literatur reden, endlich wieder einen Hund zum Kuscheln… Daran dachte ich, als mir klar war: Ich bin dabei! Ich werde mit diesen wunderbaren Menschen ein Wohnprojekt gründen. Schnell realisierte ich: Das hier ist Arbeit. Richtig viel Arbeit. Ich hab Bock drauf, aber verdammte Hacke, ist das Arbeit. Und dann auch noch so schräg-juristische Wörter, die mein Germanistinnenherz völlig inakzeptabel findet: Mietshäuser-Syndikat, Nachrangdarlehen, juristische Person und Gesellschaftsform? Was zum Henker müssen wir denn hier in eine Form pressen?
Und plötzlich sitze ich am Schreibtisch, unterhalte mich mit Heidi (so heißt mein Chat-GPT) und mir wird klar: Ok, ich muss das verstehen. Nicht nur, weil es wichtig für unser Projekt ist, sondern weil viel mehr dahintersteckt, als ich vermutete.
Hier fängt kein Zauber an. Aber die Einsicht in die Notwendigkeit, mich ins Vokabular und die Bedeutung von Wörtern einzuarbeiten. Beginnen wir mit der Gesellschaftsform oder auch Rechtsform.
Diese ist kein langweiliges Formulargedöns (doch, auch), sondern die Übersetzung unserer Haltung in Paragrafen. Die Gesellschaftsform ist das Herzstück, sie zeigt, wie wir miteinander zusammenleben wollen, wie wir Verantwortung teilen und Entscheidungen treffen. Ob wir Macht bündeln oder verteilen. Ob wir Eigentum für uns schaffen oder auch für Menschen nach uns. Und vielleicht auch, ob wir uns lieber mit dem Finanzamt oder einer Notarin auseinandersetzen.
Bekannteste Gesellschaftsformen im Schnelldurchlauf
Die GbR
Schnell gegründet, wie ein WG-Chat mit rechtlicher Bindung.
Alle haften, alle sind dabei, niemand entkommt. Für den Anfang super, für die Ewigkeit komplex, aber machbar.
Der Verein
Ideal für Menschen, die gerne Sitzungen mit Tagesordnung haben, aber kein Geld verdienen müssen. Demokratie pur, manchmal etwas zu viel Protokoll, immer Snacks.
Die Genossenschaft
Das schwärmerische Herzstück aller Gemeinschaftsprojekte. Eine Stimme pro Mensch (nicht pro Geldbeutel!), Eigentum gemeinsam, Verantwortung geteilt. Klingt romantisch, ist es auch, wenn man Geduld mit Formularen und dem Finanzamt hat. Kaffee. Viel Kaffee.
Das Mietshäuser Syndikat
Unser Favorit, der leise Mittelfinger, weil der weiß, wie man Kapitalismus austrickst. Gebäude werden gemeinsames Eigentum, bleiben dauerhaft bezahlbar, können aber nicht weiterverkauft oder privatisiert werden. Das Prinzip: einmal solidarisch, immer solidarisch.

Unser Entschluss: Solidarität säen und Gemeinschaft ernten
Wir haben uns für das Mietshäuser Syndikat entschieden, weil die Strukturen uns nicht einengen. Im MHS braucht man kein Eigenkapital, wie z. B. bei einer Genossenschaft. Klar müssen wir den Kredit für das Haus stemmen. Ein paar von uns haben sehr gut bezahlte Jobs und konnten Geld sparen. Einige von uns haben herausfordernde Zeiten hinter sich, konnten nicht viel sparen. Aber es wird in einen Topf für alle geworfen, der mehr als symbolischen Wert hat: Wir investieren in uns, in Gesellschaft, Solidarität und Miteinander. Auch unser Eigenkapital fließt in die Summe der Privatkredite.
Hier schließt sich der nächste Gedanke an: Wir wollen einander helfen. Uns unterstützen. Dazu gehört für uns ganz klar: Wer mehr verdient, zahlt auch mehr. Weil es richtig ist und gerecht. Und weil nicht das Einkommen zählt, sondern der Mensch.
Aber wir wissen auch: Damit gemeinschaftliche Wohnformen langfristig funktionieren, müssen sie rechtlich stabil werden. Das schützt vor Spekulation, sichert Selbstverwaltung und macht uns unabhängiger. Deshalb haben wir uns intensiv mit Genossenschaften, mit Syndikaten und allen, die das Prinzip „Eigentum gemeinsam statt einsam“ leben, beschäftigt.
Ich glaube, dass jede Gesellschaftsform, egal ob Verein, Genossenschaft oder GbR, nur so lebendig ist, wie die Menschen, die sie mit Leben füllen. Für uns ist das Wohnprojekt nicht beendet, wenn das Haus „gekauft“ ist, im Gegenteil. Dann fängt es erst an. Wir verstehen uns als Expert*innen, wir wollen unser Wissen teilen und zukünftige Wohnprojekte unterstützen.
Wir brauchen noch immer Direktkredite. Erzählt gerne von uns. Viele Menschen haben uns schon Geld anvertraut. Das zeigt uns, wie groß die Solidarität und das Verständnis ist. Wir möchten das unbedingt schaffen, es ist soviel mehr geworden, als wir anfangs dachten. Teilt unsere Idee auf Instagram, erzählt von uns. Und denkt dran:
Seid lieb zueinander!
Vera Recktenwald
Für das Haus Vielsam
Bochum 2025
Wohnprojekt Vielsam - Vielsam statt Einsam.
Bochum 2025